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Fremde zu Freunden
»Wow! Was für eine herrliche Aussicht!« Lara kurbelte das Fenster herunter und streckte den Kopf in den Fahrtwind. In der Ferne ragten die Spitzen der italienischen Alpen in die Höhe. Die höchsten Gipfel waren noch schneebedeckt.
»Wusstest du, dass der Brennerpass von einem Stuttgarter Ingenieur geplant wurde?« Max blickte Lara kurz von der Seite an, dann konzentrierte er sich wieder auf die Straße. Lara kicherte. War ja klar, dass der angehende Bauingenieur solche Details kannte. Mit einem Achselzucken tat sie seine Bemerkung ab. Unwichtig wer für die Straße zuständig war, im Moment wollte sie nur die idyllische Szenerie genießen. Das grüne Tal breitete sich unter ihr aus und erinnerte Lara daran, dass sie nur ein winziges Zahnrädchen auf diesem wunderschönen Planeten war. Entspannt ließ sie den Kopf gegen das Fenster sinken. Der entgegenkommende Verkehr hatte etwas Einschläferndes.
Nach einigen Minuten öffnete Lara ihre schweren Augenlider. »Du, Max, ich müsste mal aufs Klo.«
»Das ist jetzt aber ein bisschen ungünstig hier.« Max nickte mit dem Kopf in Richtung Abgrund. »Mal eben hinter einem Baum verschwinden ist hier nicht.«
Lara seufzte belustigt. »Seh´ ich doch selber, du Knallkopf. Ich meinte nur, ob du bei der nächsten Abfahrt rausfahren kannst.«
»Klar, wie Madame Knallköpfin wünschen.« Max streckte ihr fröhlich die Zunge heraus, woraufhin Lara ihn anstupste. Allerdings nur ein ganz kleines bisschen, schließlich war er der Fahrer.
Plötzlich beugte sich Lara erschrocken nach vorn. »Schau mal Max, da vorne scheint es einen Unfall gegeben zu haben!« Und tatsächlich. Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, bremste die Autokolonne merklich ab. Auch Max trat auf die Bremse.
»Oh oh, da sieht aber gar nicht gut aus.« Ein großer LKW war augenscheinlich ins Schlingern geraten und stand jetzt quer über beide Spuren. Das Fahrerhäuschen verbog die Mittelplanke, die Hinterachse blockierte den Standstreifen.
Max stöhnte auf. »Shit. Eine Vollsperrung haben wir gerade noch gebraucht!«
»Hauptsache es ist niemand verletzt«, gab Lara zu bedenken, aber ein wenig nervig war die Situation schon, schließlich waren sie auf dem Weg in den langersehnten Urlaub. Sie schaute sich um. Nirgends ein Busch, Baum oder Klohäuschen, in dem sie ihre drückende Blase entleeren konnte. »Was schätzt du, wie lange das dauert?«
Max zuckte ratlos mit den Schultern und schaltete den Motor ganz ab. »Ein paar Stunden?«
Lara bis sich auf die Lippen. »Ich muss wirklich nötig!«
»Hier hast du ne leere Flasche.« Grinsend hielt Max ihr die Wasserflasche hin, die sie sich für die Reise mitgenommen hatten.
»Haha, sehr witzig«, maulte Lara. Sie wippte nervös mit dem Fuß, ließ es aber sogleich bleiben, da jede Bewegung ihre Blase unnötig reizte. Ungeduldig beobachtete sie das Gewusel auf der Straße. Der Fahrer des LKWs, ein bärtiger Mann, war ausgestiegen und telefonierte lautstark. Dabei fuchtelte er aufgebracht mit den Armen. Lara hatte Mitleid mit ihm.
Die anderen Autoinsassen um sie herum öffneten nach und nach Fenster und Türen, um die erfrischende Luft zu schnuppern. Gut, dass die Frühlingstemperaturen so mild waren.
Lara folgte dem Beispiel, öffnete die Beifahrertür und ließ ihre Beine heraushängen. Frische Bergluft wehte ihr sanft um die Nase. Hinter ihnen stieg eine fünfköpfige Familie aus einem silbernen Touran. Das Jüngste der Kinder war bestimmt keine drei Jahre alt. Der blonde Junge quengelte und wollte von seiner Mutter hochgehoben werden. »Is hab Hunger«, hörte Lara das Kind jammern. Die gestresst wirkende Frau nahm den Kleinen auf den Arm und wiegte ihn hin und her. »Schsch.« Für eine Weile schien es zu wirken, dann zappelte der Junge. »Finn langweilig«, krähte er und Lara lächelte in sich hinein. Seine beiden größeren Schwestern begnügten sich mit einem Bilderbuch.
Aus dem roten Toyota vor Lara und Max stieg ein Paar in ihrem Alter aus und vertrat sich die Beine auf der Fahrbahn. In den nächsten Stunden gab es sowieso kein Vorankommen mehr.
»Alesso, hast du Wasser eingepackt?« Die junge Frau wühlte sich durch den Kofferraum des Toyotas.
»No, habe ich nicht. Ich dachte, du hast …« Der dunkelhaarige Mann rieb sich über die Stirn. »Mi amore, ich habe nur den vino mitgenommen.« Die zierliche Frau fluchte laut und Alesso legte ihr gönnerhaft den Arm um die Hüfte. »Lass uns doch einfach die Aussicht genießen«, schlug er vor.
Lara drehte sich zu Max. »Wollen wir uns anschließen? Von dem Standstreifen aus haben wir bestimmt einen super Blick!«
»Klar, warum nicht?« Max zog den Schlüssel ab und griff nach der Packung Butterkekse auf dem Rücksitz. Lara fischte schnell ihren Sonnenhut von der Rücksitzbank, dann schlenderten sie Hand in Hand auf die Leitplanke zu. Sie setzten sich auf den von der Sonne angewärmten Boden, ganz nah am Abgrund und ließen die Beine baumeln. Vor ihnen breitete sich eine saftige Wiese aus, hier und da geschmückt mit einem kleinen Häuschen, die von hier oben wie Puppenhäuser wirkten.
Auf einmal stupste Max sie an. »Schau mal, da pinkelt einer in die Schlucht!« Er lachte. Tatsächlich entdeckte Lara den Lastwagenfahrer, der sich etwas verschämt erleichterte. Das war der Anstoß, den sie gebraucht hatte. Kaum, dass der Mann fertig war, huschte sie auch zu der Stelle. Der Fahrer hatte sich klugerweise den Platz hinter dem LKW ausgesucht, der zumindest dem Großteil der anderen Menschen den Blick verwehrte. Schnell ließ Lara ihre Hose ebenfalls runter und erleichterte sich. Als sie fertig war, hängte sich der LKW Fahrer an ihre Fersen. Er grinste und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Absurde Situation, nicht?« Lara nickte zustimmend. Sie setzte sich wieder zu Max, der bärtige Mann ließ sich einen halben Meter neben ihnen nieder.
»Willst du auch einen?« Max hielt ihr die Kekspackung unter die Nase und Lara griff zu. Für ein paar Minuten war die Welt in Ordnung.
Plötzlich zuckte sie zusammen, als sie eine kleine Hand auf ihrer Schulter spürte. Sie drehte sich halb um und musterte den kleinen Finn, der mit kugelrunden Augen vor ihr stand und den Keks in ihrer Hand anstarrte. »Finn will auch«, erklärte er mit kindlicher Ernsthaftigkeit. Lara schnappte sich die Packung von Max und gab dem Kleinen einen Keks, den er sogleich verschlang.
Da kam die Mutter hektisch angerannt. »Finn! Es gehört sich nicht, andere Menschen anzubetteln. Entschuldigen Sie bitte.« Die Frau lächelte Lara etwas gequält an. Lara machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ist doch alles gut, er kann gerne ein paar Kekse haben. Möchten Sie auch welche?«
»Oh vielen Dank!« Die Mutter strich sich die Haare aus dem Gesicht und strahlte. »Wissen Sie, uns ist der Proviant ausgegangen und mit drei kleinen Kindern ist das so ziemlich der Worst-Case.«
»Wir haben noch jede Menge zu essen! Wir kommen gerade von Laras Eltern und ihre Mutter befürchtet immer, wir verhungern.« Max sprang auf und hastete zum Auto.
»Wirklich? Ist das auch ok für Sie?« Die Mutter sah so verlegen aus, dass Lara sie kurzerhand zu sich auf den Boden winkte. »Na klar! Rufen Sie doch ihre anderen Kinder auch noch. Ach und ich bin übrigens Lara.«
Die Blonde schüttelte ihre Hand. »Tamara. Das hier ist Finn und im Auto warten Lea, Mareike und mein Mann Andreas.« Sie drehte sich um, pfiff laut und zu Laras Erstaunen kam der Rest der Familie gehorsam angedackelt und setzte sich neben sie.
Inzwischen war Max mit dem Proviant gekommen. Er breitete belegte Brote, kleine Salamis, Tomaten und Kekse aus. Die Familie griff herzhaft zu und Max bedeutete dem bärtigen Mann, sich ebenfalls zu bedienen.
Kurz darauf kamen Alesso und seine Flamme. Er hielt eine Flasche Wein in die Luft und grinste. »Ah, essen. Dürfen wir auch etwas haben? Wir teilen auch unseren vino!« Seine Freundin versteckte sich verlegen hinter ihm, lächelte jedoch, als Lara kräftig nickte.
»Grande!«, rief Alesso aus und zog aus seiner Hosentasche einen Flaschenöffner. Lara zog die Augenbrauen hoch. Hatte der Italiener vorsichtshalber immer einen Öffner dabei?
Alesso trank einen großen Schluck Wein, dann ließ er die Flasche in dem kleinen Kreis herumgehen. Lara beobachtete, wie Tamara dankbar einen langen Zug nahm. Die Autofahrt mit drei Kindern war wohl wirklich anstrengend. Im Gegenzug schenkte die junge Mutter Alesso und Marina – so hatte sich die Freundin vorgestellt – eine Flasche Wasser.
Schnell hatten auch andere Autofahrer das lustige Trüppchen entdeckt und stießen ebenfalls dazu. Jeder steuerte Essen und Trinken bei und bald war aus dem Stau ein heiteres Picknick geworden.
»Kommt ihr aus Italien?« Lara biss gerade herzhaft in ein Stück Baklava, sodass ihr der Honig nur so an den Fingern herunterlief. Eine ältere Dame mit Kopftuch hatte diese Köstlichkeit beigesteuert.
Marina nickte. »Alesso und ich, haben uns während unseres Urlaubs verlobt. Jetzt wollen wir zu unseren Familien und mit ihnen feiern.« Marinas Lächeln erstrahlte ihr ganzes Gesicht. Lara freute sich für die beiden.
»Ich mag deine Locken!« Die kleine Mareike war aus dem Nichts aufgetaucht und starrte Marina vertrauensvoll an. Mit ihren kleinen Kinderhänden befühlte sie die dichten Locken, während Marina gluckste. »Ich liebe Kinder«, flüsterte sie Lara zu und Lara wisperte verschwörerisch zurück: »Ich auch. Max und ich wollen im Urlaub versuchen, schwanger zu werden.«
Marina drückte ihr glücklich die Hände und für einen Augenblick waren aus den beiden fremden Menschen Freundinnen geworden.
Auf einmal hörte Lara in der Ferne eine näher kommende Sirene. Kurz darauf entdeckte sie das Polizeiauto, sowie den ADAC Wagen. Die beiden Autos näherten sich schnell über die Gegenfahrbahn. Der bärtige Fahrer tippte sich mit dem Finger an die unsichtbare Mütze, dann eilte er zu seinem Lastwagen.
Mit ein paar Helfern und dem großen Abschleppwagen gelang es den beiden Männern vom Abschleppdiesnt, den Lastwagen wieder gerade auf die Fahrbahn zu ziehen. Der Fahrer drehte den Schlüssel im Schloss und wundersamerweise sprang das Gefährt an. Er winkte zum Abschied aus dem Fenster und fuhr dann in Geleit mit Polizisten und ADAC weiter.
Auch der Rest des Picknicks wurde schnell eingepackt und die Menge zerstreute sich. Nach wenigen Minuten wies nichts mehr auf die geteilte Mahlzeit hin.
Lara warf den Korb mit den übrig gebliebenen Essenssachen wieder auf die Rückbank und Max klemmte sich hinter das Lenkrad.
Die Menschen, die sich in der kurzen Zeit so nahegekommen waren, winkten und johlten aus den Fenstern, während ein Auto nach dem anderen wieder die Fahrt aufnahm. Lara und Max hielten nun wieder auf die unverrückbaren Alpen zu.
Gedankenverloren streichelte Lara ihren Bauch und musste an das kurze Gespräch mit Marina denken. Ob der Urlaub in Italien ein neues Lebewesen zustande brachte? Sie fürchtete das Ankommen, konnte es aber gleichzeitig auch nicht erwarten. Diese Reise hatte das Potenzial, ihr Leben zu verändern. Der Brennerpass war dabei ein wunderschöner Übergang zwischen Deutschland und Italien, Heimat und Fremde, Altes und Neues.
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Trügerische Schönheit
Ich liege im lilafarbenen Gras unter einem Fliegenpilz. Kühler Wind streicht mir zärtlich über das Gesicht. Ich höre die leisen Klänge der Blumen. Einige klingen glockenhell, andere dröhnen wie Kirchturmglocken. Ein Untoter Schmetterling flattert gehetzt an mir vorbei und ich ducke mich tiefer. Die papiernen Flügel zucken unkontrolliert. Das Tier wittert meine Anwesenheit. Ich fasse meine Keule fester. Das harte Holz in meinen Händen schenkt mir Zuversicht. Der Schmetterling wird nicht das kleinste bisschen meiner Seele bekommen.
»Badumm«. Die schweren Schritte eines Augiers lassen die Erde erzittern und der Falter fliegt davon. Trotzdem bin ich vorsichtig, denn wo einer ist, sind viele. Meine Mutter hat vor einigen Jahren einen Angriff eines Schwarms nicht überlebt. Sie ist weder Mensch noch Geist – ein Zwischenwesen. Überall präsent, aber nirgends zuhause. Um dieses Schicksal nicht noch einmal mitansehen zu müssen, bin ich Forscherin geworden und das Augier kommt mir gerade recht.
In einem uralten Märchen heißt es, dass das Blut dieser Riesen den dämonischen Kuss des Schmetterlings rückgängig machen kann. Nur muss man dafür an das Gift der Tiere kommen.
Der Boden bebt unter den näher kommenden Schritten und ich springe auf. Einem Augier muss man aufrecht begegnen. Ich werfe mich gegen den Stamm des Pilzes und eine Wolke an Sporen regnet auf mich herab und legt sich auf jeden Zentimeter meiner Haut. Unsichtbar, kann ich nun auf die Ankunft der Bestie warten.
Das Gebüsch vor mir raschelt und ein ganzer Schwarm an Untoten Faltern stobt auseinander. Wusst ich´s doch! Doch um die kann ich mich jetzt nicht kümmern. Ein längliches, mit Stacheln bewehrtes Gesicht taucht auf. Dann folgen die vier Flanken, über und über mit Augen bedeckt. Zuletzt entdecke ich den Schwanz. Er gleicht dem Stachel eines Skorpions und glänzt unheilvoll im Licht der untergehenden Sonne. Gift, zäh wie Blut, rinnt pechschwarz an dem Schwanz herunter. Vorsichtig ziehe ich eine kleine Phiole aus meinem Wams und tausche meine Keule gegen einen Dolch ein. Irgendwie muss ich es schaffen, zwischen die Schuppen des Tieres zu stechen.
Als das Augier fast an mir vorbei ist, renne ich los. Ich sprinte an den Augen vorbei, die mich dank der Sporen nicht mehr erkennen können. Das Tier schnauft und schleudert dabei eine abnorme Menge an Schleim aus seinem Schlund. Es wittert Gefahr.
Ohne langsamer zu werden blicke ich in den Himmel und sehe einen roten Punkt größer werden. Mein Drache Damiel gehorcht mir aufs Wort, als ich nach ihm pfeife. Im Sturzflug kommt er herbeigeflogen und ich springe auf. Mit kräftigen Flügelschlägen trägt er mich hoch hinaus über das Augier.
Mit einem Aufschrei springe ich beherzt ab, lande auf den Schuppen und stoße meinen Dolch dazwischen. Grüne Flüssigkeit schießt aus dem Loch und das Tier bäumt sich auf. Im Fallen fange ich ein paar Tropfen mit meiner Phiole ab. Mein Magen sackt nach unten, wie bei einer Achterbahn, aber bevor ich aufschlage, ist mein Drache zur Stelle. Triumphierend kralle ich mich an dem Sattel fest und jubele laut. Meine Forschung kann weitergehen. Ich werde meine Mutter retten!
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Der kleine Junge und sein Boot
Wie so oft saß auch heute der kleine Junge auf der alten Parkbank, direkt am Ufer des stillen Teiches. In der Hand hielt er eine Rolle Nylonfaden, dessen Ende an dem Modellboot festgeknotet war, welches am Rande des Teiches leise vor sich hinschaukelte. Abgesehen von dem Rascheln des Windes, der durch das trockene Schilf fuhr, war die Welt in diesem Augenblick leise. So konnte der kleine Junge seine ganze Konzentration dem Schiff zuwenden. Er sah mit ernster Miene auf das Wasser hinaus und die Perfektion des Bootes erfüllte ihn mit stiller Freude. Wenn er vorsichtig an der Nylonschnur zog, dann wackelte und schaukelte das Schiff, bis es sich wieder beruhigte und auf dem Teich ruhte. Hin und wieder schubste der Junge sein Boot so an, ganz sanft jedoch, damit es nicht umkippte.
Auf einmal kam ein Mann vorbei. Vorsichtig setzte er sich neben den Jungen, der begonnen hatte mit den Füßen zu schaukeln. Der Mann räusperte sich, drehte sich zu dem kleinen Jungen um und fragte ihn: »Bist du ganz alleine hier?« »Ja«, antwortete dieser und schaute den Mann groß an. »Nun«, sagte dieser zögerlich, »so ganz allein, bist du nicht einsam? Ich würde mich an deiner Stelle einsam fühlen.« Und tatsächlich, kaum hatte der Mann die Worte gesagt, glaubte der kleine Junge das Gefühl der Einsamkeit in sich aufsteigen zu fühlen. Er schaute sein Boot and und fand auf einmal, dass es auf dem riesigen Teich winzig und verloren wirkte. Jetzt fühlte er sich auch verloren. So sehr, dass der kleine Junge fast gefragt hätte, ob der Mann nicht bleiben wolle, als dieser Anstalten machte zu gehen. Allerdings fühlte er sich nicht nur einsam, sondern auch schüchtern, sodass er dem Mann nur still hinterher schaute. Die feierliche Freude war von ihm gewichen, obwohl er sein Boot noch ein paarmal anschubste.
Auf einmal hörte er wieder Schritte hinter sich. Erschrocken drehte er sich schnell um und zog aus Versehen mit einem Ruck, viel zu fest an der Schnur, sodass das Boot auf die Seite kippte. Der große Junge, wegen dem er gerade so abgelenkt gewesen war, nickte ihm zu. Dann schaute er stirnrunzelnd zu dem Schiff des kleinen Jungen, das nun im Wasser lag und dessen Segel nass wurden. »Was für ein nutzloses Boot«, spottete er. »Bist du nicht sauer, dass das blöde Schiff umgekippt ist?«, wollte der große Junge wissen. Der kleine Junge öffnete den Mund, um die Frage zu verneinen. Doch gerade als er ansetzte, bemerkte er, dass es nicht mehr die Wahrheit war. Plötzlich war er wütend! »Ja!«, antwortete er deshalb. »So ein dummes Boot!« Der große Junge schien mit der Antwort ganz zufrieden zu sein. Er schüttelte den Kopf, sah das Schiff böse an und ließ dann den kleinen Jungen zurück. Dieser machte sich auf, sein Boot wieder gerade auf das Wasser zu setzen. Nun spazierte eine Dame vorbei. Als sie den kleinen Jungen entdeckte, sah sie sich um und als sie niemand anderes bemerken konnte, lief sie zielstrebig auf ihn zu. »Bist du nicht viel zu jung, um allein am Teich zu spielen?«, fragte sie missbilligend. Der Gefragte schüttelte den Kopf. »Ich bin schon neun. Und meine Mama hat es mir erlaubt.« Die Frau rümpfte bei dieser Antwort die Nase. »So eine verantwortungslose Mutter! Neun ist doch viel zu jung! Was da alles passieren kann!« Jetzt, wo die Dame das gesagt hatte, fiel dem Jungen auf, dass seine Mutter vielleicht wirklich verantwortungslos war. Was, wenn er in den Teich hineingefallen wäre? Und überhaupt fühlte er sich ganz klein neben der Dame. Er schaute auf seine Knie und fing wieder an mit den Beinen zu wippen. Ab und zu schielte er zu der Frau herüber, die ihm jedoch jedesmal wenn er sie ansah, älter und erhabener vorkam, wohingegen er das Gefühl hatte zu schrumpfen. So war er auch sehr erleichtert, als sie nach einiger Zeit aufstand und langsam davonschritt. Eine ganze Weile saß er da und wusste nicht, ob er sich jetzt einsam oder zu jung fühlen sollte und ob er sein Boot mochte, oder nicht.
Noch während er überlegte, brummte eine tiefe Stimme: »Na nu, Junge! Was tust du denn hier?« Der kleine Junge drehte sich zu der Stimme um und sah, dass sie einem Professor gehörte. Er hatte eine runde Brille auf der Nase sitzen und war seltsam angezogen. Er trug nämlich ein sehr feines Hemd, aber eine ausgebeulte Cordhose. »Ich beobachte mein Boot!«, antwortete der Junge mit seiner hellen, klaren Stimme. Der Professor lächelte anerkennend. »Beobachtest du die Dynamik des Schiffes? Misst du gar, mit wie viel Wasser sich das Holz vollsaugt? Oder willst du wissen wie das Schiff von den Kräften und Impulsen des Windes und des Wassers hin und her gestoßen wird?« Der kleine Junge, der kaum verstanden hatte, was der Herr gesagt hatte, kam sich plötzlich dumm vor. »Ich«, sagte er leise, »ich beobachte das Schiff einfach nur.« Nun legte sich die Stirn des Fremden in verständnislose Falten. »Wie alt bist du, mein Junge?« »Ich bin neun.« Da schüttelte der Professor den Kopf und erklärte mit fester Stimme: »Du bist viel zu alt, um mit einem Schiff zu spielen. Wenn etwas aus dir werden soll, musst du sinnvollere Dinge mit deiner Zeit anfangen. Du solltest dir eine wissenschaftliche Fragestellung ausdenken und versuchen diese zu lösen. Aber nur ein Boot zu beobachten? So etwas machen Vierjährige, aber du bist schon neun.« Der kleine Junge, der sich auf einmal gar nicht klein, aber dafür sehr dumm vorkam, überlegte angestrengt, aber es wollte ihm einfach keine wissenschaftliche Fragestellung einfallen. Er sich noch nicht einmal sicher, ob er eigentlich wusste, was das war. »Nun, wie dem auch sei, für so einen Papperlapapp habe ich keine Zeit!« Mit diesen Worten erhob sich der Professor, tippte sich zum Abschied mit dem Finger gegen die Stirn und ging davon. Kurze Zeit später fischte der kleine Junge sein Boot aus dem Wasser, klemmte es sich unter den Arm und ging resigniert nach Hause. Er hatte die Freude an seinem Schiff verloren und in ihm tobten verschiedene Gefühle.
Zuhause angekommen stellte er das Boot ab und umschlang die Beine seiner Mutter. Seine Mutter umarmte ihn zurück. Nach einigen Augenblicken löste sie sich sanft von ihm und schaute ihm in die Augen. »Mein Schatz«, wollte sie wissen, »du machst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Was ist denn los?« Der Junge zuckte mit den Schultern und es sprudelte aus ihm heraus: »Ich weiß nicht genau. Zuerst war es sehr schön, aber dann kam ein Mann und meinte es sei einsam und auf einmal war ich das auch. Dann kam ein Junge vorbei und ich habe aus Versehen mein Boot umgeschubst. Da ist er wütend geworden und ich auch. Die Frau, die dann kam, sagte ich zu klein, um allein am Teich zu spielen und der Professor meinte ich sei zu alt, um mit einem Boot zu spielen. Jetzt fühle ich mich zwar nicht mehr einsam und wütend aber irgendwie zu klein und zu groß. Da hat es mir keinen Spaß mehr gemacht und ich bin gegangen.« Der kleine Junge sah seine Mutter mit ängstlichen, fragenden Augen an. »Mama, was bin ich denn jetzt? Bin ich zu groß oder zu klein?« Seine Mutter nahm sein Gesicht in ihre Hände und lächelte ihn warm an. »Du bis genau richtig«, antwortete sie. »Du bist einzigartig und auch deine Gefühle sind einzigartig. Lass dir da von niemandem was einreden, hörst du? Wenn es dir mit zwanzig noch Spaß macht das Schiff zu beobachten, dann bist du auch mit zwanzig nicht zu alt dafür. Wenn du dich mit fünf schon zu groß dafür gefühlt hättest, dann wäre das auch okay gewesen. Kümmere dich nicht darum, was die anderen von dir denken. Sei du selbst! Hast du das verstanden?« Der kleine Junge blickte hinüber zu seinem Schiff, dann betrachtete er nachdenklich seine Schuhspitzen. Also war er gar nicht zu alt! Und auch nicht zu klein! Und mit seinem Boot war es auch nicht einsam gewesen, im Gegenteil, es war schön am Teich zu sitzen. Wütend war eigentlich auch nie gewesen. Sein Boot war umgekippt, weil er sich erschreckt hatte und viel zu fest an der Schnur gezogen hatte. Wenn überhaupt, dann war er auf den Jungen sauer, der ihn erschreckt hatte. Wenn seine Mama Recht hatte, dann… Noch sichtlich in Gedanken nickte der kleine Junge wie zur Bekräftigung und hob dann den Blick. »Ich bin perfekt und soll so sein, wie ich bin, egal was andere denken!«, wiederholte er, sichtlich stolz. Dann lächelte er zuerst seine Mutter an, schnappte sich dann sein Boot und ging beschwingt und fröhlich die Stufen zu seinem Zimmer hoch. »Ich bin ich«, wisperte er leise vor sich hin, »und ich bin gut so.«